FORUM SCHULTHEATER

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[Zeitschrift für Theaterpädagogik]

Theater als Fernbeziehung

Echtzeit, serielles Erzählen und Intimität bei DRUCK

Thilo Grawe
Thilo Grawe

Stu­di­um der Sze­ni­schen Künste und Insze­nie­rung der Künste und der Medi­en in Hil­des­heim, seit Herbst 2020 Thea­ter­päda­ge am JES Stuttgart.

Thilo Grawe
Thilo Grawe

Stu­di­um der Sze­ni­schen Künste und Insze­nie­rung der Künste und der Medi­en in Hil­des­heim, seit Herbst 2020 Thea­ter­päda­ge am JES Stuttgart.

Fort­set­zung: Der Beginn des fol­gen­den Tex­tes wur­de abge­druckt in Heft 78 der Zeit­schrift für Thea­ter­päd­ago­gik, S. 7–8.

Die Funk-Serie „Druck“ hat eine You­Tube Pre­miè­re ange­setzt. Die Platt­form bie­tet mir an, eine Erin­ne­rung ein­zu­rich­ten. Die neue Fol­ge kommt immer frei­tags, das ken­ne ich bereits von den vor­he­ri­gen Staf­feln, aber heu­te, an Sil­ves­ter, kommt sie kurz nach Mitternacht.

Die Jugend­se­rie wird regel­mä­ßig online ver­öf­fent­licht, hat der­zeit (März 2021) etwa vier­hun­dert­tau­send Abonnent*innen, 115 Mil­lio­nen Auf­ru­fe und folgt dem nor­we­gi­schen Ori­gi­nal­kon­zept der Serie „SKAM“. Unter ihrem Video heißt es:

„DRUCK – Die Serie wird die gan­ze Woche über erzählt. Wir ver­öf­fent­li­chen Inhal­te dann, wenn sie pas­sie­ren. Das Schu­len­de mit­tags um halb eins, die Par­ty abends um zehn – ihr seid immer dabei! Jeden Frei­tag gibt es dann die kom­plet­te Woche noch­mal als Fol­ge – mit zusätz­li­chen und brand­neu­en Inhal­ten! Aber DRUCK läuft nicht nur auf You­Tube! Auf Insta­gram und Tele­gram fin­det ihr wei­te­re span­nen­de Inhal­te! So könnt ihr die Mädels und Jungs von DRUCK rund um die Uhr in ihrem All­tag beglei­ten. Lie­be, Freund­schaft und die eige­ne Iden­ti­tät – das ist DRUCK. Dei­ne Serie – in Echt­zeit, immer dann, wenn etwas passiert.“

Drei Aspek­te möch­te ich hier her­aus­stel­len – das Nar­ra­tiv der Echt­zeit, das seri­el­le Erzäh­len und die Insze­nie­rung von Inti­mi­tät – die eng mit­ein­an­der ver­knüpft sind.

Unter Echt­zeit ver­steht die Serie den Modus ihrer Ver­öf­fent­li­chung. Die erzähl­te Zeit über­la­gert sich mit mei­nem eige­nen All­tags­er­le­ben. Ich gehe zur Arbeit, die Protagonist*innen zur Schu­le, ich lie­ge wach im Bett und kann nicht schla­fen, in der Serie gibt es zur ver­meint­lich sel­ben Zeit einen Film­abend. Das Ziel ist es, die Illu­si­on einer Gleich­zei­tig­keit her­zu­stel­len – eben „immer dann, wenn etwas pas­siert“. Gleich­wohl han­delt es sich aber selbst­ver­ständ­lich um vor­pro­du­zier­te Ver­satz­stü­cke, soge­nann­te clips, die einem Dreh­buch fol­gen. Sie wer­den stra­te­gisch aus­ge­wählt und zeit­ver­setzt veröffentlicht.

Das seri­el­le Erzäh­len ermög­licht durch ent­spre­chen­des Wis­sens­ma­nage­ment Bezie­hung zu Figu­ren über einen lan­gen Zeit­raum hin­weg auf­zu­bau­en. In der Zwi­schen­zeit kann ich sie mit Freund*innen dis­ku­tie­ren. Über die Wochen wer­den Kon­flik­te und Situa­tio­nen in einer Zeit­lich­keit ent­wi­ckelt, die ich aus mei­nem All­tag ken­ne. Wenn sich die CA$HQUEENS am Mon­tag für Frei­tag ver­ab­re­den, dann muss auch ich bis Frei­tag war­ten, um end­lich mit­zu­er­le­ben, was bei der Par­ty pas­siert – wenn Fatou auf eine Nach­richt von ihrem Schwarm war­tet, dann muss auch ich war­ten, bis viel­leicht am nächs­ten Tag end­lich eine neue Benach­rich­ti­gung kommt.

Dass es Neu­ig­kei­ten gibt, erfah­re ich gleich auf meh­re­ren Kanä­len. You­Tube erin­nert mich dar­an, dass ein neu­er Clip ver­öf­fent­licht wur­de. Ob Kieu My sich nach dem Kuss an Sil­ves­ter end­lich gemel­det hat, wird aber auch in Whats­App Ver­läu­fen unter den CA$HQUEENS ver­han­delt, die ich mit­le­sen kann. Ein pro­gram­mier­ter Bot, den ich bei dem Mes­sen­ger Tele­gramm abon­nie­ren kann, sen­det mir ent­spre­chen­de screen­shots die­ser Unter­hal­tun­gen auto­ma­tisch zu. Und zuletzt hat jede Figur der Serie noch einen Insta­gram Account, den sie regel­mä­ßig bespielt. Und da, end­lich: Kiew My hat erst­mals ein Foto von Fatou gelik­ed – und vie­len fol­lo­wern ist das gleich auf­ge­fal­len, sie kom­men­tie­ren das neue Foto, machen dar­auf auf­merk­sam, hypen sich gegen­sei­tig und hof­fen, dass es mit den bei­den viel­leicht doch noch was wird. Eini­ge spre­chen Fatou sogar Mut zu, sie sol­le sich doch noch­mal bei Kiew My mel­den. Obwohl die Figu­ren eigent­lich nie auf sol­che direk­ten Nach­rich­ten ant­wor­ten, scheint den­noch die Moti­va­ti­on vor­han­den zu sein, Kon­takt auf­neh­men zu wol­len. Es zeugt von dem Wunsch, mit die­sen Figu­ren, die ihre Zuschauer*innen ver­meint­lich so nah an ihrem Leben teil­ha­ben las­sen, auch inter­agie­ren zu wol­len. Die Illu­si­on von Echt­zeit und das Ein­drin­gen in mei­nen All­tag durch die vie­len Platt­for­men, die ich auch mit mei­nen soge­nann­ten ech­ten Freun­den täg­lich nut­ze (Tele­gramm und Whats­App), insze­nie­ren eine Inti­mi­tät, eine Art Fern-Nähe. Erzählt wird vom Fort­lauf der Geschich­ten gleich auf meh­re­ren Platt­for­men, qua­si mul­ti­me­di­al und vor allem: aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven. Wenn die­se Figu­ren etwas Mensch­li­ches gewin­nen, dann durch ihre all­täg­li­chen Sor­gen, Hoff­nun­gen und Ängs­te, die sie mit mir tei­len. Die­se Stra­te­gien erzeu­gen eine Immer­si­on: sie ver­wi­schen Gren­zen zwi­schen öffent­lich und pri­vat, zwi­schen live und digi­tal. Selbst wenn zwi­schen mir und den Figu­ren immer eine Glas­schei­be blei­ben wird, so fühlt es sich viel­leicht für einen Moment so an, als könn­ten wir wirk­lich befreun­det sein – als hät­te mein Zuspruch, mein Kom­men­tar unter die­sem post, eine tat­säch­li­che Aus­wir­kung auf den Ver­lauf der Geschich­te. Und selbst wenn Fatou nicht auf mei­nen Insta­gramm-Kom­men­tar ant­wor­ten wird, so ver­sam­melt sich in den Kom­men­tar­spal­ten bei You­Tube, im Live-Chat am Frei­tag und unter allen Bei­trä­gen der Figu­ren die­ser Staf­fel doch eine eigen­dy­na­mi­sche com­mu­ni­ty, die gemein­sam mit mir ver­han­deln will, wie es wei­ter­ge­hen könn­te, die sich  ganz offen­sicht­lich iden­ti­fi­zie­ren kann mit den Geschich­ten und die mei­nen Zuspruch kom­men­tiert, mich in eine Fan-Grup­pe ein­lädt und die mit mir mitfiebert.

Wäh­rend ich die­sen Text schrei­be, wer­de ich an die heu­ti­ge Pre­miè­re erin­nert. Die Benach­rich­ti­gung taucht auf mei­nem dis­play auf und ich schal­te ein. Den Namen für das live Ereig­nis hat sich das Inter­net beim Thea­ter gelie­hen. Was in der heu­ti­gen Fol­ge pas­sie­ren wird steht aber schon lan­ge fest, es folgt einem Dreh­buch, ist abge­dreht, auf­ge­zeich­net, ver­ar­bei­tet und geschnit­ten wor­den. Live ist nur der chat und die Tat­sa­che, dass ich nicht vor­spu­len kann – für 25 Minu­ten wer­den alle Zuschauer*innen gleich­ge­schal­tet und schau­en gemein­sam. Spä­ter kann ich die Fol­ge wie­der nach Belie­ben wie­der­ho­len, vor- und zurück­spu­len und pau­sie­ren, wie ich es gewohnt bin. Der live-chat der heu­ti­gen Fol­ge hat einen Puls, könn­te man sagen. „Druck – Die Serie“ mischt selbst mit – „Hey lie­be Com­mu­ni­ty! Zeit für Fol­ge 5 ❤️ Wir hof­fen, ihr seid auch schon so hyped wie wir“, schrei­ben sie zu Beginn der neu­en Fol­ge in den Chat und auch wäh­rend der Fol­ge kom­men­tie­ren sie, was pas­siert, mischen sich unter die com­mu­ni­ty. Wäh­rend sei­nes Ruhe­pul­ses flat­tert jede Sekun­de etwa ein Kom­men­tar her­ein. Doch als sich am Ende der Fol­ge, und damit am Ende vie­ler Miss­ver­ständ­nis­se und zwei Wochen Lie­bes­kum­mer, die ich mit­er­le­ben konn­te, Fatou und Kiew My end­lich wie­der küs­sen, über­schla­gen sich die Kom­men­ta­re im Chat. Ich kann förm­lich sehen, wie die Her­zen der com­mu­ni­ty höher­schla­gen. Und gleich­zei­tig wis­sen alle, dass jede Staf­fel auf 10 Fol­gen ange­legt ist. Der Kuss ist nicht das Ende der Geschich­te – fünf wei­te­re Fol­gen, fünf wei­te­re Wochen wer­den wir Fatou noch beglei­ten, bevor in der nächs­ten Staf­fel die nächs­te Per­son aus dem fik­ti­ven Freun­des­kreis im Mit­tel­punkt ste­hen wird. Bis dahin kann noch viel pas­sie­ren. Was das sein könn­te, dar­über wird in den Kom­men­tar­spal­ten bereits gemun­kelt. Die Ent­schei­dung jedoch wird beim Pro­duk­ti­ons­team bleiben.

BEZIEHUNGSPFLEGE FÜR EIN THEATER DER ZUKUNFT

Was ich beschrie­ben habe sind nur klei­ne Aus­schnit­te des­sen, was ich an zeit­ge­mä­ßen künst­le­risch-ästhe­ti­schen Aus­drucks­for­men beob­ach­ten kann. Es sind Aus­drucks­for­men, die gera­de auch für Kin­der und Jugend­li­che zur all­täg­li­chen Lebens­rea­li­tät gehö­ren. Leben fin­det heu­te unaus­weich­lich im Kon­text von Such­ma­schi­nen, sozia­len Netz­wer­ken und mobi­len Daten statt, selbst wenn ich mich deren Nut­zung zu ent­zie­hen ver­su­che. Es gilt dabei anzu­er­ken­nen, dass die­se Struk­tu­ren nie­mals nur tech­nisch, son­dern immer auch sozi­al und poli­tisch sind. Will das Thea­ter bei die­sen sozia­len und poli­ti­schen Aus­hand­lun­gen der neu­en Kul­tu­ren des Zusam­men­le­bens (wei­ter) mit­spie­len, so las­sen sich aus mei­nen Beschrei­bun­gen eini­ge Fra­gen nach dem Publi­kum, der Rah­mung, der Ereig­nis­haf­tig­keit und den Ästhe­ti­ken und Arbeits­wei­sen ablei­ten, die es für jedes (digi­tal-ana­lo­ge) Thea­ter­vor­ha­ben zu beant­wor­ten gilt:

Wel­che Bezie­hung will das Thea­ter mit sei­nem Publi­kum ein­ge­hen? Und wo ist die­ses Publi­kum ver­or­tet? Wie kön­nen die­se Bezie­hun­gen auch über Distan­zen hin­weg oder über län­ge­re Zeit gepflegt wer­den? Wie gelingt es sie wech­sel­sei­tig, ver­läss­lich und inter­es­sant zu gestal­ten, trotz der gro­ßen Kon­kur­renz im Inter­net? Und in wel­chem Ver­hält­nis steht das Thea­ter zu sei­ner öko­no­misch ver­ein­nahm­ten Kon­kur­renz im Netz? Wie kann das Thea­ter mit der Gewohn­heit eines indi­vi­dua­li­sier­ten Erle­bens und Medi­en­kon­sums umge­hen? Was heißt Erle­ben im Thea­ter, wenn jede Per­son gewohnt ist anders­wo das Tem­po, den Zeit­punkt und die Voll­stän­dig­keit mit­zu­be­stim­men? Wel­che Meta­da­ten erhebt das Thea­ter eigent­lich über sei­ne Zuschauer*innen, um zu ent­schei­den, was sie inter­es­sie­ren könn­te? Was heißt es heut­zu­ta­ge gan­ze Per­so­nen­grup­pen, mit gänz­lich unter­schied­li­chen for you pages, Vor­lie­ben und Seh­erfah­run­gen, in einen Raum zu set­zen (das kann auch ein digi­ta­ler sein)? Was für eine Auf­füh­rung muss das sein, der sie dann gemein­sam fol­gen wol­len, ohne ein­fach um- oder aus­schal­ten zu kön­nen? Wie kann das Zusam­men­tref­fen zum Aus­nah­me­zu­stand wer­den, für den sich das War­ten gelohnt hat? Wie las­sen sich die­se stark indi­vi­dua­li­sier­ten Per­so­nen ver­ge­mein­schaf­ten? Was muss in die­sem Raum pas­sie­ren, damit es zur Dif­fe­renz­erfah­rung, zum sozia­len Ereig­nis und zum tat­säch­li­chen Erleb­nis wer­den kann? Wel­che Räu­me müs­sen vor oder hin­ter eine Auf­füh­rung geschal­tet sein, um Aus­tausch, Feed­back und sozia­le Inter­ak­ti­on zu ermög­li­chen? Und wie wür­den sich Insze­nie­run­gen ver­än­dern, wenn sie die­se inter­so­zia­len Räu­me von Beginn an mit­den­ken wür­den? Wel­che Hand­lungs­macht über das Erle­ben und die Erzäh­lung kann und will das Thea­ter dabei abge­ben? Was kann das Thea­ter von sei­nem (jun­gen) Publi­kum ler­nen? Wel­che Mög­lich­kei­ten könn­ten Stra­te­gien des kol­la­bo­ra­ti­ven sto­ry­tel­ling oder der seri­el­len Erzäh­lung eröff­nen? Wann beginnt eine digi­ta­le Auf­füh­rung und wann endet sie? Wel­che Bezie­hung könn­te ein Publi­kum zu den Figu­ren einer Insze­nie­rung (und viel­leicht auch zu den Men­schen am Thea­ter) auf­bau­en – auch aus der Fer­ne oder über län­ge­re Zeit hin­weg? Wann fin­det die­ser Raum statt, in dem die Auf­füh­rung geteilt wird, und wie lan­ge bleibt er als sol­cher bestehen? Wird es ein Raum sein, in dem alle gleich­zei­tig etwas erle­ben oder kann er zeit­lich ver­setzt betre­ten und wie­der ver­las­sen wer­den? Wie ver­än­der­bar ist die­ser Raum und wel­che Zugangs­bar­rie­ren sind mit ihm ver­bun­den? Wer kommt dort über­haupt zusam­men (und wer nicht)? Wie orts­spe­zi­fisch und lokal sind die­se Räu­me gedacht? Wel­che per­for­ma­ti­ven Situa­tio­nen wer­den in die­sen ent­wor­fen und gestal­tet, um neue For­men des Zusam­men­le­bens zu suchen, zu pro­bie­ren oder zu reflek­tie­ren? Und wel­che asyn­chro­nen und asyn­to­pen Stra­te­gien könn(t)en dabei ein­ge­setzt werden?

Wenn ich nach Tipps für Fern­be­zie­hun­gen suche, dann schlägt das Inter­net mir vor nach lan­gen Tren­nungs­pha­sen viel­leicht erst­mal mit einem Spa­zier­gang oder einem Kaf­fee oder Tee zu star­ten. Damit eine Fern­be­zie­hung funk­tio­niert, gilt es sich erst ein­mal wie­der anein­an­der zu gewöh­nen. Und viel­leicht müs­sen neue Ritua­le erfun­den wer­den, um im Kon­takt zu bleiben.

Fotos: Funk / ZDF

Erstellt: 5. Juni 2021 
Aktua­li­siert: 8. Juni 2021 

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