FORUM SCHULTHEATER

TheaterLabor

Theater als Gefüge denken

Am Theaterpädagogischen Zentrum Lingen experimentiert das Projekt „Metamorphosis“ mit der Frage: Wie lassen sich digitale und physische Komponenten feinsinnig miteinander verknüpfen?

Nicole Amsbeck
Nicole Amsbeck 

Per­for­mance Stu­dies (MA), stell­ver­tre­ten­de Lei­tung des Thea­ter­päd­ago­gi­schen Zen­trums Lin­gen und Fach­be­reichs­lei­tung Theater.

Marielle Amsbeck
Marielle Amsbeck 

Thea­ter­päd­ago­gin (BA), war vie­le Jah­re frei­schaf­fend tätig und ist seit 2021 Thea­ter­päd­ago­gin am Thea­ter Münster.

Nicole Amsbeck
Nicole Amsbeck 

Per­for­mance Stu­dies (MA), stell­ver­tre­ten­de Lei­tung des Thea­ter­päd­ago­gi­schen Zen­trums Lin­gen und Fach­be­reichs­lei­tung Theater.

Marielle Amsbeck
Marielle Amsbeck 

Thea­ter­päd­ago­gin (BA), war vie­le Jah­re frei­schaf­fend tätig und ist seit 2021 Thea­ter­päd­ago­gin am Thea­ter Münster.

Die­ser Bei­trag gehört zum Digi­tal­teil der Zeit­schrift für Thea­ter­päd­ago­gik, Aus­ga­be 78. 

Bereits zum Zeit­punkt der Antrag­stel­lung von „Meta­mor­pho­sis“, im Mai 2020, war klar: Wir wer­den den vir­tu­el­len Raum, digi­ta­le Pro­duk­te (Video, Bild) und die ver­än­der­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge in unse­re Über­le­gun­gen bereits in das Kon­zept als auch in den Pro­zess mit­ein­be­zie­hen müssen.

Nach die­ser Erkennt­nis frag­ten wir uns „wie?“. Wie kön­nen wir trotz die­ser unter­schied­li­chen Pro­ben­räu­me – vir­tu­el­len und phy­si­schen – einen sinn­li­chen und expe­ri­men­tier­freu­di­gen Zugang ermög­li­chen? Wie kön­nen sich die Spieler*innen aktiv ein­brin­gen, (ästhe­ti­sche) Erfah­run­gen machen und gemein­sam als Ensem­ble arbei­ten? Wie kön­nen wir den Kin­dern und Jugend­li­chen einen Rah­men bie­ten, in dem sie sich das The­ma „Zei­ten der Dring­lich­kei­ten – Kli­ma­kri­se“ mit allen Sin­nen und sinn­stif­tend aneig­nen kön­nen? Wie kann das Digi­ta­le mehr als das Abspie­len eines Vide­os sein?

Die­se Fra­gen lös­ten eine leich­te Ver­zweif­lung aus. Doch der Ver­zweif­lung folg­te naht­los die Hoff­nung: Alles wird gut, Coro­na wird ver­ge­hen, wir kön­nen ein­fach so wei­ter­ma­chen. OK, ja … nutz­los! Also die Hoff­nung … könnt ihr behal­ten. Was blieb? Das Handeln.

Die Phi­lo­so­phin und Bio­lo­gin Don­na J. Hara­way gab uns mit ihrem Buch „Unru­hig blei­ben“ einen Denk­raum, durch den die­ses Han­deln sowohl kon­zep­tio­nell als auch prak­tisch mög­lich schien. Sie lud uns dazu ein die gewohn­ten Denk- und dann Hand­lungs­mus­ter mensch­li­chen Exzep­tio­na­lis­mus‘ zu ver­las­sen, Ver­wandt­schaf­ten neu zu den­ken und uns ver­wandt-zu-machen mit nicht-mensch­li­chen Akteur*innen. Ihr Blick dar­auf, wie wir, wir Men­schen, wir als Spe­zi­es, Teil unter­schied­li­cher Gefü­ge sind, ist dabei der Aus­gangs­punkt. Was uns umgibt und durch­dringt: Din­ge, Men­schen, Tie­re, Pflan­zen, Tech­no­lo­gien, Pil­ze, Mikro­or­ga­nis­men, all das bil­det Gefü­ge, die mit­ein­an­der arbei­ten, inein­an­der­grei­fen, ein­an­der aus­nut­zen, nut­zen, hei­len, näh­ren. Gefü­ge sind Ansamm­lun­gen und Kol­la­bo­ra­tio­nen von Leu­ten, Krit­tern und Appa­ra­ten. Gefü­ge wer­den sicht­bar, wenn wir Ver­bin­dungs­li­ni­en her­stel­len und erwei­tern.[1]

Ange­sto­ßen durch die­se Gedan­ken began­nen wir unse­re Pra­xis selbst als ein Thea­ter-als-Gefü­ge zu begrei­fen. Die Kon­se­quenz war, dass wir eine neue Mit­spie­le­rin in unser Ensem­ble ein­ban­den: eine Soft­ware zur inter­ak­ti­ven Steue­rung digi­ta­ler Kom­po­nen­ten in Echt­zeit, mit der das Ensem­ble auf der Büh­ne inter­agiert. So konn­ten wir Abwe­sen­des (Natur­ka­ta­stro­phen, Traum­or­te der Kind­heit, nicht-mensch­li­che Wesen, Pro­tes­tie­ren­de der Fri­days for Future Bewe­gung) mit den anwe­sen­den Kör­pern und Din­gen zu etwas Neu­em ver­flech­ten. Dies ermög­lich­te es uns eine Fik­ti­on in den Raum zu stel­len, in der wir das Anthro­po­zän ver­las­sen und uns ima­gi­nie­ren in eine arten­über­grei­fend lebens­wer­te Zukunft.

Die­ser Arti­kel ist nur ein Anfang. Unter www.metamorphosis-online.de, der Pro­jekt­web­sei­te, erfah­ren Sie, wie unse­re Arbeit kon­kret aus­sah, wel­ches digi­ta­le Mate­ri­al sich ver­knüpf­te und wie Recher­chen, Fotos und Cho­reo­gra­phien in die Insze­nie­rung fanden.

[1] Don­na J. Hara­ways Buch ist für uns Inspi­ra­ti­on und Irri­ta­ti­on, Gedan­ken­ex­pe­ri­ment, Faden­spiel und Rei­bungs­flä­che. Wor­te wie die fol­gen­den beschäf­ti­gen uns nach­hal­tig. „Sich auf eigen­sin­ni­ge Art ver­wandt zu machen (…) rührt wich­ti­ge Din­ge auf; zum Bei­spiel die Fra­ge, wem gegen­über man eigent­lich ver­ant­wort­lich ist. Wer lebt und wer stirbt und auf wel­che Art und Wei­se in die­ser Ver­wandt­schaft und nicht in jener? (…) Was muss durch­schnit­ten und was muss ver­knüpft wer­den, damit arten­über­grei­fen­des Gedei­hen auf die­ser Erde eine Chan­ce hat; ein Gedei­hen, das mensch­li­che und anders-als-mensch­li­che Wesen in die Ver­wandt­schaft mit­ein­schließt?“  (Hara­way 2018, S.10f)

Fotos: Ste­fa­nie Büttgenbach

Erstellt: 1. Juni 2021 
Aktua­li­siert: 14. Juni 2021 

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