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TheaterLabor

Umbruch_­Aufbruch_­Durchbruch

Praxisreflektion eines Theaterjugendclub-Projektes

Veronika Riedel
Veronika Riedel 

Jahr­gang 1993, stu­dier­te Kul­tur- und Medi­en­päd­ago­gik an der HS Mer­se­burg und ist seit 2018 als Thea­ter­päd­ago­gin am Thea­ter Mag­de­burg tätig.

Veronika Riedel
Veronika Riedel 

Jahr­gang 1993, stu­dier­te Kul­tur- und Medi­en­päd­ago­gik an der HS Mer­se­burg und ist seit 2018 als Thea­ter­päd­ago­gin am Thea­ter Mag­de­burg tätig.

Die­ser Bei­trag gehört zum Digi­tal­teil der Zeit­schrift für Thea­ter­päd­ago­gik, Aus­ga­be 78. 

Ausgangslage

Wir befin­den uns am Thea­ter Mag­de­burg. 19 Jugend­li­che im Alter von 15 bis 18 Jah­ren erfor­schen unter thea­ter­päd­ago­gi­scher Anlei­tung das The­ma „an_grenzen”. Dazu bege­ben sie sich auf Recher­chen in die Stadt und in ein außer­halb des Zen­trums gele­ge­nes Stadt­vier­tel, kom­men dort mit älte­ren Genera­tio­nen in Kon­takt und suchen nach Geschich­ten, Fra­gen und Ideen für eine Stück­ent­wick­lung. Das gefun­de­ne Mate­ri­al fin­det Ver­wen­dung in Schreib­werk­stät­ten und sze­ni­schen Inter­pre­ta­tio­nen, wird gefasst, gewei­tet und wie­der gefasst. Es gibt unter­schied­li­che Umset­zun­gen: Dia­log­for­men, selbst­ent­wi­ckel­te Solo-Cho­reo­gra­fien, cho­risch-cho­reo­gra­fi­sche Grup­pen­mo­men­te. Musik, Kos­tüm, Licht – mit Thea­ter­mit­teln wird frei gespielt. Die Jugend­li­chen – mehr­heit­lich deutsch, weiß, cis-gen­der – fin­den eine Über­schrift, unter der sie eine Mög­lich­keit suchen, die Arbeits­er­geb­nis­se in einer sze­ni­schen Prä­sen­ta­ti­on mit­ein­an­der zu kom­bi­nie­ren: „Zu viel ist manch­mal auch too much”.

Umbruch

Die Suche nach einem roten Faden wird im März 2020 vom ers­ten Covid-19-Lock­down unter­bro­chen. Das Pro­jekt kommt für eini­ge Wochen zum Erlie­gen. Dann beginnt im April ein neu­er Abschnitt; die Teil­neh­men­den tref­fen sich – und pro­ben auch – digi­tal. Die­se digi­ta­le Arbeit stellt mich als Anlei­ten­de vor diver­se Her­aus­for­de­run­gen – ein kom­plett neu­er, unbe­kann­ter Raum öff­net sich. Durch die neu­en Umstän­de stellt sich mir und der Grup­pe die Fra­ge: Wohin mit den Mate­ria­li­en? Getreu der Devi­se „(Theater-)Materialien gehö­ren gezeigt und prä­sen­tiert!” suche ich nach einer Mög­lich­keit der Prä­sen­ta­ti­on. Die­se Suche wird behin­dert und hin­aus­ge­zö­gert durch die unkla­ren Umstän­de – lan­ge besteht die Hoff­nung auf eine bal­di­ge Ände­rung der Ver­hält­nis­se und damit eine Mög­lich­keit der Live-Präsentation.

Aufbruch

Schließ­lich ent­schei­de ich mich für einen Weg ins Digi­ta­le: um die Grup­pe (die Teil­neh­men­den – das Pro­jekt – mich) zu schüt­zen und eine Prä­sen­ta­ti­on mit ent­spre­chen­dem Vor­lauf mög­lich zu machen. Die Reak­tio­nen der Teil­neh­men­den hier­auf beinhal­ten: Irri­ta­ti­on, Schwer­mut und Sehn­sucht nach dem Alt­be­kann­ten genau­so wie Freu­de und Neu­gier auf das neue Medi­um, das nun erschlos­sen wird, sowie Dank­bar­keit, dass das Pro­jekt wei­ter­hin statt­fin­det und es einen gemein­sa­men Abschluss gibt. Die neue Ziel­set­zung ist also eine digi­ta­le Mate­ri­al­schau. Die Idee: alle neun bis­her ent­stan­de­nen Sze­nen fin­den eine eige­ne Umset­zung, wer­den nicht anein­an­der­ge­kop­pelt, son­dern ein­zeln pro­du­ziert und dann gemein­sam in einer trans­me­dia­len digi­ta­len Aus­stel­lung auf der Home­page des Thea­ters gezeigt. Die Jugend­li­chen sind bei der Erar­bei­tung auf sich gestellt, zumin­dest mehr als sie es jemals auf der Büh­ne gewe­sen wären – alle Ent­schei­dun­gen lie­gen bei ihnen, ich las­se Ihnen auch die Frei­heit, selbst zu ent­schei­den, ob und wie stark sie mich mit ein­be­zie­hen. Ich tue das, weil ich ihnen zutraue, eige­ne Wege in die­se neue Medi­a­li­tät zu fin­den und weil mir die Kapa­zi­tä­ten feh­len, alle 9 Klein­grup­pen ein­zeln zu betreu­en. Die Teil­neh­men­den fil­men, schnei­den, neh­men auf, foto­gra­fie­ren, erstel­len selbst dra­ma­tur­gi­sche Fas­sun­gen und die Orga­ni­sa­ti­on ihrer Klein­grup­pen liegt in ers­ter Linie in ihrer Hand. Hier fin­den man­che eine Stol­per­fal­le, ande­re wach­sen über sich hin­aus. Mei­ne ange­bo­te­ne Hil­fe­stel­lung fin­det bei man­chen Klein­grup­pen Anklang, bei man­chen steht die Selbst­stän­dig­keit im Vor­der­grund. Erst tref­fen wir uns wöchent­lich, dann im Zwei­wo­chen­rhyth­mus, um im Ple­num die Arbeits­stän­de zu bespre­chen, Fra­gen zu stel­len und Feed­back zu erhalten.

Durchbruch

Und plötz­lich rückt der Ter­min für die Prä­sen­ta­ti­on auf der Thea­ter­web­sei­te immer näher – und dann sind alle selbst­ge­setz­ten Fris­ten ver­stri­chen und die Mate­ria­li­en noch nicht fer­tig. Es zeigt sich: die media­le Auf­be­rei­tung bringt Mehr­auf­wand in der Post­pro­duk­ti­on und auf den letz­ten Metern fließt noch­mal viel Ener­gie und Herz­blut. Kon­flikt­po­ten­ti­al besteht dar­in, dass die selbst­stän­di­ge Klein­grup­pen­ar­beit Ergeb­nis­se erzeugt, die nach mei­ner Ein­schät­zung eines Fein­schlif­fes bedür­fen. Dar­auf reagie­ren die Teil­neh­men­den mit Ver­ständ­nis für die Über­ar­bei­tung und Lust an der Mit­ar­beit und dem Ein­brin­gen von eige­nen Ideen – und auch mit Wider­wil­len, den ich gut nach­voll­zie­hen kann. Hier fin­det sich der wich­tigs­te Lern­pro­zess, den ich für mich in die­sem Pro­jekt ver­zeich­nen kann: Wenn die Teil­neh­men­den so selbst­stän­dig arbei­ten, liegt am Ende des Pro­jek­tes unter Umstän­den trotz­dem Ver­ant­wor­tung bei der Spiel­lei­tung – ande­re und sogar mehr als bei einer hier­ar­chi­sche­ren Vorgehensweise.

Fazit

Der ers­te Zugang zur digi­ta­len Arbeits­wei­se zeigt mir – im Kon­text des vor­ge­stell­ten Pro­jek­tes und den orga­ni­sa­to­ri­schen Umstän­den – dass es nicht immer mög­lich ist, alle Klein­grup­pen nah zu beglei­ten. Mei­ner Mei­nung nach steht den Grup­pen in die­sem Fall eine freie, krea­ti­ve Arbeit mit ganz eige­nen Pro­zes­sen und Ideen zu – dass die­se vor der Ver­öf­fent­li­chung eine Prü­fung erfah­ren, muss aller­dings von Anfang an klar­ge­stellt wer­den. Ein wei­te­rer Lern­ef­fekt im Umgang mit den „neu­en“ Medi­en fin­det sich in der Anlei­tung der Mate­ri­al­pro­duk­ti­on; ganz kon­kret müs­sen Zeit­vor­ga­ben beim selbst­stän­di­gen Erstel­len der Vide­os durch die Jugend­li­chen erar­bei­tet wer­den und Kon­zep­te im Detail durch­ge­spro­chen sein. Neben die­sen neu­en Ein­drü­cken fin­de ich aber auch die bekann­ten Pro­jekt­struk­tu­ren – Kenn­lern­pha­se und Recher­chen – wie­der. Dahin­ge­hend ist die digi­ta­le Arbeit von der ana­lo­gen nicht so weit ent­fernt, wie es manch­mal scheint. Das Pro­jekt hat neben dem Ergeb­nis einer erfolg­rei­chen media­len Prä­sen­ta­ti­on auch auf­ge­zeigt, dass in dem Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen den Wün­schen der Teil­neh­men­den, Haus/Öffentlichkeit und mei­nen eige­nen Bedürf­nis­sen (und in der all­ge­mei­nen Span­nung und Unsi­cher­heit des Früh­som­mers 2020) ein Kon­flikt­po­ten­ti­al liegt. Die Span­nun­gen im Pro­zess und im Anschluss an das Pro­jekt zu reflek­tie­ren und ggf. zu the­ma­ti­sie­ren, macht eine Ebe­ne von Pro­fes­sio­na­li­tät im Kon­text von Thea­ter­päd­ago­gik aus. Eben­falls span­nungs­ge­la­den scheint der gene­rel­le thea­ter­päd­ago­gi­sche Umgang mit der aktu­el­len Situa­ti­on; die anste­hen­den Trans­for­ma­tio­nen von sozia­len, orga­ni­sa­to­ri­schen und ästhe­ti­schen Pro­zes­sen im Ange­sicht von stark ein­ge­schränk­ten oder kom­plett feh­len­dem ana­lo­gen Kon­takt for­dern her­aus und bedür­fen gemein­sa­mer Reflek­ti­on. Wich­tig für die­se Trans­for­ma­ti­on scheint: „nicht das Ana­lo­ge mög­lichst nah ins Digi­ta­le abpau­sen, son­dern in Hin­blick auf  die Wir­kung trans­fe­rie­ren“. Und was bedeu­tet es, in Hin­blick auf Wir­kung zu trans­fe­rie­ren? Ande­re Fra­gen, die sich stel­len, lau­ten: Ist das noch Thea­ter­päd­ago­gik? Wie wer­den (digi­ta­le) Pro­zes­se den Bedürf­nis­sen und Ansprü­chen der Teil­neh­men­den und Anlei­ten­den gerecht? Es bleibt in jedem Pro­jekt neu auszuhandeln.

Bei­trags­bild: ABart

Erstellt: 31. Mai 2021 
Aktua­li­siert: 8. Juni 2021 

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